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Jugend ermöglichen!

Foto: Titelseite des Berichts
3.02. 2017

15. Kinder- und Jugendbericht und Jugendbroschüre vorgestellt

 

Die Arbeitsgemeinschaft für Kinder- und Jugendhilfe (AGJ) lud am 2. und 3. Februar 2017 zur Fachtagung „Jugend ermöglichen: Grundlagen und Perspektiven des 15. Kinder- und Jugendberichts“ nach Berlin ein. Ca. 250 Fachkräfte aus dem weiten Feld der Kinder- und Jugendhilfe, aus der politischen Bildung und angrenzenden Bereichen waren der Einladung gefolgt um von den Ergebnissen der unabhängigen Sachverständigenkommission zu hören und diese zu diskutieren. Das Kabinett hatte am Vortag, 1. Februar 2017, darüber diskutiert und den Bericht zusammen mit der Stellungnahme verabschiedet. Nun liegt der umfangreiche Bericht vor.

 

Nach einem ersten Einblick und der Diskussionen während der Tagung kann das eindeutige Fazit gezogen werden: Der Bericht verdient es, von einer großen Leserschaft wahrgenommen zu werden, nicht nur von den Fachkräften der Kinder- und Jugendhilfe, sondern auch von der Politik und den Entscheidungsträgern vor Ort – und nicht zuletzt von den Akteuren im Feld der politischen Bildung. Leistet der Bericht doch nicht mehr und nicht weniger als die oft vernachlässigte und wenig beforschte Altersgruppe Jugend in den Fokus zu rücken und eindrücklich in Erinnerung zu rufen, dass „die Jugend“ als Co-Produzentin der gesellschaftlichen Zukunft viel zu wenig im Blick ist, vor allem nicht, wenn es darum geht zu erfahren, was Jugendliche selbst denken und tun. Die Lebensphase Jugend ist also die konzeptionelle Klammer des Berichts.

 

Der Kinder- und Jugendbericht ist in sieben Kapitel unterteilt, denen sich eine mit 22 Thesen formulierte Bilanz und Schlussfolgerung anschließt. Den Mitgliedern der Kommission ist es wichtig, diese Thesen als politische Empfehlungen zu kommunizieren, auch wenn es im engeren Sinne keine Empfehlungen, sondern vielmehr Herausforderungen für die gesellschaftliche Zukunft sind.

 

Das erste Kapitel zeigt unter der Überschrift „Wie wird Jugend ermöglicht?“ quasi mit einem Draufblick die Bilder, die von Jugend in der Gesellschaft vorherrschen. Als Kernherausforderungen an diese Lebensphase, auf die dann auch in den anderen Teilen des Berichts immer wieder eingegangen wird, werden drei Begriffe formuliert: Verselbstständigung; Selbstpositionierung; Qualifizierung. Das zweite Kapitel ist quasi die „empirische Herzkammer“ des Berichts mit dem Blick auf die generationelle Lage Jugend, wie Thomas Rauschenbach, Vorsitzender der Berichtskommission, es in seinem einführenden Beitrag ausdrückte. Das dritte Kapitel geht mit Hilfe der teilnehmenden Beobachtung auf das Alltagsleben, die Ausdrucks- und Handlungsformen Jugendlicher ein. Was tun Jugendliche eigentlich – z. B. in Bezug auf Familie, Politik, Religion und digitale Medienwelten? Das vierte Kapitel widmet sich explizit den digital vernetzten Welten und stellt als politische Herausforderungen vor allem den Datenschutz, den Umgang mit menschenverachtenden Inhalten und die Frage der Zugangsmöglichkeiten in den Mittelpunkt. Die Kapitel 5–7 widmen sich den institutionellen Settings: der Ganztagsschule, der Kinder- und Jugendarbeit im gesellschaftlichen Wandel und den Sozialen Diensten. Wer wird erreicht? Welche Interessen werden bedient?

 

Im Bericht finden sich viele Anknüpfungspunkte für das Feld der politischen Bildung, denn politische Bildung selbst zieht sich gewissermaßen als Querschnittthema durch alle Abschnitte: Immer wieder wird die Notwendigkeit politischer Bildung in einer vernetzten, unübersichtlichen Welt thematisiert. Wie kann Orientierung vermittelt, können Räume für Partizipation eröffnet und Freiräume geschaffen werden? Politische Bildung müsse sich mit Grundlagen und Werten einer freiheitlich demokratischen Grundordnung auseinandersetzen, so Karin Böllert, Vorsitzende der AGJ, in ihrer einführenden Rede, und dies gerade vor dem Hintergrund aktueller gesellschaftlicher Entwicklungen. Die neuen Formen politischer Bildung, die als Teil der Eigenständigen Jugendpolitik diskutiert wurden, müssten in das politische Programm aufgenommen werden. Es gäbe, so Karin Bock, stellvertretende Vorsitzende der Berichtskommission, einen neuen Gestaltungsbedarf von politischer Bildung als verbindlich verankertem Konzept demokratischer Bildung im institutionellen Gefüge des Aufwachsens, das zu demokratischer Handlungsfähigkeit beitrüge. Politische Bildung ist Ort des Erfahrens und Einübens demokratischer Grundüberzeugungen und Verhaltens.

 

Ein weiteres Thema, das sich, auch wenn es nicht Teil des Berichtsauftrags war, in verschiedenen Abschnitten findet (besonders in Kap. 7), sind geflüchtete junge Menschen. Während der Berichtsarbeit ist die Zahl der nach Deutschland kommenden jungen, oft unbegleiteten minderjährigen Menschen so stark angestiegen, dass klar wurde, dass das Thema einen Platz braucht, so Christian Lüders (DJI) in seinem engagierten Vortrag. Themen wie Fluchtanlässe und -erfahrungen, rechtliche Sortierungen, Wohnen, Bildung, Arbeitsmarktintegration, Gewalt und Opfererfahrungen etc. wurden aufgegriffen. In einem kurzen Abschnitt konnte das Thema Flucht und die damit verbundene Lebenslage aus Sicht der Flüchtlinge – wenn auch nur mit einem kleinen Einblick – gespiegelt werden (Kap. 7.4.7).

 

Der etwas sperrige Titel „Zwischen Freiräumen, Familie, Ganztagsschule und virtuellen Welten – Persönlichkeitsentwicklung und Bildungsanspruch im Jugendalter“ und der beeindruckende Umfang des Berichts sollten niemanden davon abhalten, sich intensiv mit dem Bericht auseinanderzusetzen. Er zeichnet ein aktuelles Bild der Lebenslagen und des Alltagshandelns Jugendlicher und junger Erwachsener und untersucht die Rahmenbedingungen des Aufwachsens sowie Einflüsse von Digitalisierung, demografischer Entwicklung und Globalisierung und analysiert alterstypische Problemlagen.

 

Die gleichzeitig erschienene Jugendbroschüre zum 12. Kinder- und Jugendbericht „Jugend ermöglichen!“ wurde von einem 10-köpfigen Team der Jugendpresse Deutschland erstellt und basiert auf dem Bericht der Sachverständigenkommission. Sie soll die komplexen Inhalte einem breiten und vor allem jugendlichen Publikum zugänglich machen.