Praxisblick, Alte Feuerwache/Kaubstraße: Zwischen Emotion, Widerspruch und Solidarität – Ein Seminar über Antisemitismus und antimuslimischen Rassismus in Berlin

Anfang März 2025 trafen sich junge Erwachsene im Rahmen ihres FSJs in der Jugendbildungsstätte Kaubstraße in Berlin, um gemeinsam über Themen zu sprechen, die oft zu wenig Raum bekommen oder über die häufig in hitzigen, polarisierenden Debatten gestritten wird. „Antisemitismus und antimuslimischer Rassismus“ lautete der Titel des fünftägigen Seminars – und das allein ließ erahnen: Hier wird es komplex. Und emotional. 

Ziel des Seminars war nicht, einfache Antworten zu geben. Es ging vielmehr darum, zuzuhören, Widersprüche auszuhalten und eigene Perspektiven zu hinterfragen. Wie hängen Antisemitismus und antimuslimischer Rassismus zusammen? Warum werden diese Diskriminierungsformen oft gegeneinander ausgespielt? Und wie kann Solidarität aussehen, ohne Unterschiede zu übergehen?

Schon in den ersten Stunden lag der Fokus auf Emotionen. Die Methode „Emotionskochtopf“ regte die Teilnehmenden dazu an, ihre Gefühle sichtbar zu machen, die mit dem Thema verbunden sind – Angst, Wut, Ohnmacht, Aufregung, Enttäuschung und vieles mehr kamen zum Vorschein. Die folgenden Tage waren geprägt von intensiven Workshops, Diskussionen und Begegnungen. Die Teilnehmenden tauchten ein in die Geschichte und Gegenwart antisemitischer und antimuslimischer Denkmuster und setzten sich mit Verschwörungserzählungen, Intersektionalität und Machtverhältnissen auseinander. Immer wieder ging es dabei auch um ihre persönlichen Erfahrungen – und darum, wie gesellschaftliche Diskriminierung auf individueller, institutioneller und struktureller Ebene wirkt.

Ein besonderer Moment war das Gespräch mit dem Berliner Politiker und Aktivisten Ferat Koçak, der Ziel eines rechtsextremen Anschlags wurde. Seine eindrückliche Schilderung ließ niemanden unberührt. Im Anschluss daran reflektierte die Gruppe, wie sich rechte Gewalt anfühlt, wie sie uns alle betrifft und welche Verantwortung die Gesellschaft trägt, aber auch, welche Strategien des Empowerments möglich sind.

Neben der Theorie ging es auch an das praktische Erkunden der Stadt. Beim Stadtrundgang durchs Scheunenviertel wurde jüdische Geschichte vor Ort greifbar. Ein Besuch im Jüdischen Museum Berlin vertiefte diesen Eindruck: Geschichte ist nicht vergangen, sondern immer auch gegenwärtig.

Kreativität hatte ebenfalls ihren Platz. Die Teilnehmenden gestalteten eigene künstlerische Beiträge – Gedichte, Podcasts und TikTok-Videos. Themen wie Identität, Ausgrenzung und Zugehörigkeit wurden auf ganz persönliche Weise sichtbar. Dabei ging es nie darum, „die richtige Meinung“ zu finden, sondern Raum für unterschiedliche Erfahrungen zu schaffen.