Was können wir Jugendlichen fair bieten? Ansätze einer politischen Bildung zur Digitalisierung
Am 7. Juli 2026 fand in den Räumen von medialepfade.org die Veranstaltung „Was können wir Jugendlichen fair bieten?“ statt. Die Frage, wie „offline“ man heute noch sein kann, hat sich aus Sicht junger Menschen zugespitzt. Die Debatte über ein „Social Media Verbot“ prägt die Diskussion zur Regulierung digitaler Räume. Was bedeutet hier „fair“ – und welche Maßnahmen sind sinnvoll? Diese Fragen standen im Mittelpunkt Veranstaltung mit der anschließenden Handbuchpräsentation.
Unter der Moderation von Georg Pirker, Referent für internationale politische Bildung beim Arbeitskreis deutscher Bildungsstätten, diskutierten Katrin Hünemörder (Geschäftsführerin von medialepfade.org), Nils-Eyk Zimmermann (Projektreferent Digital Youth Work beim AdB) und Dr. Irene Poczka (Referentin für internationale Kinder- und Jugendhilfepolitik der Arbeitsgemeinschaft für Kinder- und Jugendhilfe e.V. – AGJ) über politische Eingriffsmöglichkeiten im Umgang mit Plattformen sowie deren Einfluss auf Jugendliche und Bildung.
Die von der Bundesregierung eingesetzte unabhängige Expertenkommission „Kinder und Jugendschutz in der in der digitalen Welt“ hat kürzlich umfassende Handlungsempfehlungen zum Aufwachsen in Digitalisierten Lebenswelten vorgelegt, die vielfach eine Schärfung und Ausgestaltung europäischer Digitalpolitischer Rahmen betont. Offen steht, wie Politik nun diese Handlungsempfehlungen aufgreift. Irene Poczka berichtete aus Gesprächen mit der EU-Kommission und erläuterte, dass auf der europäischen Ebene viele wichtige Punkte in den Digitalen Rahmengesetzgebungen erarbeitet wurden, die jedoch nicht immer durchsetzbar sind: Einerseits definieren EU-Regulierungen die Handlungsspielräume der Mitgliedstaaten, andererseits sehen einige Länder strengere EU-Vorgaben als unzulässige Einschränkung ihrer Souveränität. Kritiker*innen wiesen darauf hin, dass die aktuell in vielen Staaten diskutierten Zugangsverbote für junge Menschen nur Symptome, nicht aber die Ursachen adressieren und kaum zur Befähigung junger Menschen beitragen. Hierfür ist europäische Regulierung bspw. durch den Digital Service Act eine Kernvoraussetzung und bietet ein starkes politisches und rechtliches Instrument.
Im Mittelpunkt der Diskussion stand die Frage, was junge Menschen brauchen, um kompetent mit der Digitalisierung umgehen zu können. Wie lässt sich eine politische Bildung gestalten, die strukturelle Probleme wie Plattformmacht, Information Disorder und Polarisierung angeht und den Weg zu einem faireren, freieren und rechtebewussteren Internet ebnet, anstatt daran mitzuwirken Probleme zu individualisieren.
Nils-Eyk Zimmermann betonte die Notwendigkeit von Regulierung und verwies darauf, dass 59 % der Jugendlichen davon ausgehen, gesellschaftlich relevante Nachrichten würden sie über Social Media schon erreichen – ohne selbst aktiv danach suchen zu müssen. Er stellte die Frage, ob diese Annahme realistisch sei und wie sichergestellt werden könne, dass wichtige politische, aber weniger attraktive Themen wie Rentenreformen, Gesundheitsdaten, etc. Jugendliche tatsächlich erreichen.
Katrin Hünemörder sprach über den direkten Kontakt mit Jugendlichen und die Herausforderung, wo diese Unterstützung bei der Nachrichtenflut auf Social Media finden können. Welche Akteure, zum Beispiel wie Bildner*innen und Lehrkräfte, können Jugendliche dabei begleiten, sich auf Social-Media-Plattformen besser zurechtzufinden? medialepfade.org setzt hier mit Bildungsarbeit an und pflegt beispielsweise einen Kanal auf WhatsApp und Signal, in dem täglich ein TikTok-Trend erklärt und Hinweise zur Einbindung in Lerneinheiten im Unterricht gegeben werden.
In der Diskussion wurde die Reichweite bildungspolitischer Inhalte thematisiert: Erreichen diese Jugendliche oder verschwinden sie im Rauschen der Social-Media-Feeds? Die meisten waren sich einig, dass die Aufbereitung von Inhalten im Social-Media-Format hilfreich ist, da Jugendliche an diese Formate gewöhnt sind und sich dadurch eher angesprochen fühlen.
Im Anschluss stellte der AdB e. V. sein neuestes Handbuch „Mehr als mit dem Strom schwimmen. Impulse für eine politische(re) digitale Bildung“ vor. Das Handbuch ist im Rahmen des Projekts Digital Youth Work. Rights-sensitive, Open, Accessible, Democratic (DIYW-ROAD) entstanden und wird von der Europäischen Union kofinanziert. Das Handbuch befasst sich mit der Metaebene politischer digitaler Bildung und gibt Impulse für eine Praxis des Innehaltens, Reflektierens und bewussten Entscheidens. Es behandelt Digitalisierung aus drei Perspektiven – Identität, Governance und Umwelt – und verbindet theoretische Grundlagen mit praxisnahen Beispielen für die Bildungsarbeit. Es richtet sich vor allem an Fachkräfte, an außerschulische politische Bildner*innen sowie Jugend- und Sozialarbeiter*innen.
Die Veranstaltung wurde in Kooperation mit der Berliner Landeszentrale für politische Bildung organisiert.
Das Handbuch ist in verschiedenen Sprachversionen zum Download verfügbar und kann als Printversion beim AdB bestellt werden.