Mann mit Mikrofon und SALTO-Lanyard gestikuliert während eines Gesprächs vor einer Wand mit Projektionslicht.

„New Power in Youth“: Wie junge Menschen mit Polarisierung umgehen und was das mit der Erneuerung von Demokratie zutun hat

Was braucht Demokratie in Zeiten von Polarisierung, manipulierten digitalen Räumen und sinkendem Vertrauen in Institutionen? Mit diesen Fragen beschäftigte sich die internationale Konferenz „New Power in Youth – Beyond Polarisation: Youth Renewing Democracy“ am 26. Juni 2026 in Tallinn, Estland. Fachkräfte aus Jugendarbeit, Forschung und Politik diskutierten gemeinsam mit Teilnehmenden aus ganz Europa darüber, wie demokratische Teilhabe gestärkt und Demokratie „von unten“ erneuert werden kann.

Organisiert wurde die Konferenz von der estnischen Nationalagentur für Erasmus+ und das Europäische Solidaritätskorps. Im Mittelpunkt standen die Herausforderungen demokratischer Gesellschaften angesichts wachsender gesellschaftlicher Fragmentierung und die Frage nach Möglichkeiten junger Menschen bei der Gestaltung demokratischer Zukunft.

Ein zentraler Programmpunkt war das Panel „Setting Foundations: The Responses“. Georg Pirker (DARE network/AdB) diskutierte dort gemeinsam mit Vallo Koppel, Staatssekretär im estnischen Ministerium für Bildung und Forschung, sowie Susanne Johansson von der DJI-Arbeits- und Forschungsstelle Demokratieförderung und Extremismusprävention. Ausgangspunkt waren die Impulse der ehemaligen estnischen Präsidentin Kersti Kaljulaid und des Jugendforschers Georg Boldt (Universität Helsinki/Centre for Sociology of Democracy) zu Jugend und Engagement.

Die Impulse machten sehr unterschiedliche Verständnisse demokratischer Teilhabe sichtbar. Kersti Kaljulaid vertrat eine eher markt-liberale Perspektive auf Jugendpolitik und zivilgesellschaftliches Engagement. Der Staat solle vor allem unterstützende Rahmenbedingungen durch fokussierte Sozial- und gute Bildungspolitik schaffen, während Bürger*innen ihre demokratischen Wege eigenständig gestalten.

Georg Boldt plädierte dagegen für ein breiteres Verständnis jugendlichen Engagements. Junge Menschen engagieren sich heute nicht nur in klassischen demokratischen Formen, sondern ebenso in sozialen Bewegungen, Protesten und digitalen Netzwerken – etwa gegen Rechtsextremismus oder für mehr Klimagerechtigkeit. Solche Formen des Engagements seien keine Bedrohung, sondern ein wichtiger Bestandteil demokratischer Erneuerung und müsse von Politik anerkannt werden.

Im Verlauf der Paneldiskussion ging es um die Frage, wie Jugendarbeit, Bildung, Forschung und Politik auf gesellschaftliche Polarisierung, Vertrauensverlust und Ausgrenzungserfahrungen reagieren können. Besonders diskutiert wurde die „belonging gap“ – das Gefühl vieler junger Menschen, von politischen Institutionen und gesellschaftlichen Debatten nicht ausreichend repräsentiert oder gehört zu werden.

Georg Pirker hob in seinen Beiträgen die Bedeutung kritischer Jugendarbeit und menschenrechtsorientierter Bildung hervor. Demokratiebildung müsse heute mehr leisten als die Vermittlung institutionellen Wissens. Sie müsse Räume schaffen und erhalten, in denen junge Menschen echte Beteiligung erfahren, die sie selbst gestalten und in denen sie konstruktiv mit Meinungsverschiedenheiten umgehen und Kompetenzen entwickeln können, um sich in zunehmend in digitalen Informationsräumen, die eben keine öffentlichen Räume sind, kritisch zu orientieren.

Deutlich wurde: Demokratie zu stärken und gegen autoritäre Entwicklungen zu verteidigen, ist keine Aufgabe einzelner Bereiche. Notwendig sind sektorübergreifende Kooperationen zwischen Jugendarbeit, Bildung, Forschung und Politik, um demokratische Kultur resilienter, inklusiver und partizipativer zu gestalten.

Die Konferenz in Tallinn bot dabei keine schnellen Antworten, sondern schaffte Raum für Austausch, Reflexion und neue Perspektiven. Sie machte deutlich: Junge Menschen sind nicht nur von demokratischen Veränderungen betroffen – sie gestalten diese aktiv mit. Youth Work im Sinne einer politisch bildenden Jugendarbeit muss hierfür zum einen Räume und Gelegenheiten schaffen, zum anderen gilt es, sich als Arbeitsfelder der Jugendarbeit dafür einzusetzen, dass junge Menschen ihre eigenen selbstbewussten Zugänge, Themen und Bedarfe an Demokratie und Politik entwickeln und formulieren können und nicht bloß mit institutionellen Partizipationsaufgaben versehen werden.

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