Extrem rechte Gewalt gegenüber Menschen mit (kognitiven) Behinderungen – Kontinuitäten, Brüche und Leerstellen
Extrem rechte Gewalt gegen Menschen mit (kognitiven) Behinderungen ist ein bislang wenig beachtetes und erforschtes Feld. Am 24. März 2026 wurde diese Fragestellung im Rahmen des Projekts SPREAD und zugleich im Kontext des AdB-Jahresthemas „Politische Bildung in Zeiten rechtsextremer Bedrohung“ in einem zweistündigen Online-Workshop beleuchtet.
Im Mittelpunkt stand die Auseinandersetzung mit historischen Kontinuitäten, aktuellen Formen und Forschungslücken extrem rechter Gewalt gegenüber Menschen mit Behinderungen. Dabei wurde deutlich, dass dieses Themenfeld in Wissenschaft und Gesellschaft noch viele Lücken hat.
Die Referentin und Wissenschaftlerin Katja Sternberger, die den Workshop leitete, gab dafür einen historischen Überblick über extrem rechte und ableistische Gewalt. Sie zeigte Entwicklungen vom 19. und frühen 20. Jahrhundert über die Zeit des Nationalsozialismus bis in die Nachkriegsjahre auf. Dabei ging es unter anderem um eugenische Denkweisen, die NS-„Euthanasie“ sowie institutionelle Strukturen der Nachkriegszeit. Deutlich wurde, dass Vorstellungen von Ungleichwertigkeit historisch tief verankert sind und bis heute nachwirken. Auch aktuelle Debatten, etwa zu Sterbehilfe oder pränataler Diagnostik, stehen in diesem Zusammenhang. Die erst am 30. Januar 2025 durch den Deutschen Bundestag erfolgte Anerkennung der im Nationalsozialismus verfolgten und ermordeten behinderten und psychisch kranken Menschen als Opfer des NS-Regimes, verweist zugleich auf weiterhin bestehende Leerstellen im Umgang mit dieser Geschichte.
Abbild dessen ist ebenso ein großer Mangel an systematischer Forschung. Zwar wurde extrem rechte Gewalt gegen Menschen mit Behinderungen vereinzelt erwähnt, sie wurde jedoch kaum konkret untersucht oder statistisch erfasst. (vgl. Leidinger/Radvan 2024). Sternberger macht deutlich, dass die Unsichtbarkeit auch mit Tabuisierungen und gesellschaftlichen Verdrängungsmechanismen zusammenhängt, in denen weiterhin die Vorstellung wirksam ist, Menschen mit Behinderungen seien nicht gleichwertig. Gewalt wurde dabei nicht nur als direkte physische Gewalt verstanden, sondern auch in ihren kulturellen und strukturellen Formen.
Abschließend ging es um die Frage, wie gehandelt werden kann. Im Mittelpunkt standen Schutzkonzepte in der politischen Bildungsarbeit, die Bedeutung von Netzwerken sowie die Stärkung von Betroffenenperspektiven. Auch niedrigschwellige Beratungsangebote wurden als wichtige Unterstützungsmöglichkeiten hervorgehoben, um auf extrem rechte und ableistische Gewalt reagieren zu können.
Der Workshop fand im Rahmen des Projekts SPREAD – Sensibilisierung, Politische Bildung, Reflexion, Empowerment, Ableismus-Dekonstruktion statt und verband wissenschaftliche Perspektiven mit Impulsen aus dem behindertenpolitischen Aktivismus.
Katja Sternberger gestaltete den Workshop. Sie ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Rechtsextremismusforschung (IRex) der Universität Tübingen und Promovendin im Forschungsprojekt zu extrem rechter Gewalt gegenüber Menschen mit Behinderungen.
Literaturtipp: Leidinger, Christiane/Radvan, Heike (2024): Extrem rechte Gewalt gegen Menschen mit (kognitiven) Beeinträchtigungen. Online: Gastbeitrag für das Portal Doing Memory – für eine plurale Gesellschaft, abrufbar unter: https://doing-memory.de/behindertenfeindliche-gewalt/
Das AdB-Projekt SPREAD wird gefördert aus Mitteln des Bundesministeriums für Bildung, Familien, Senioren, Frauen und Jugend im Rahmen des Bundesprogramms „Demokratie leben!“
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