Gut aufgestellt? Politische Bildung in Zeiten rechtsextremer Bedrohung. AdB-Fachtagung gibt wichtige Impulse zum Umgang mit aktuellen Herausforderungen
Sind wir in der politischen Bildung gut aufgestellt, wenn es um aktuelle Herausforderungen angesichts rechtsextremer Bedrohung geht? Um diese Frage zu diskutieren und konkrete Anregungen für den Umgang im Bildungsalltag zu finden, trafen sich am 25. und 26. November 2025 ca. 70 politischen Bildner*innen im Gustav Stresemann Institut in Niedersachsen e. V. zur diesjährigen AdB-Fachtagung.
Mit der Fachtagung im Gustav Stresemann Institut in Niedersachsen e. V. wurde die Arbeit am AdB-Jahresthema 2025–2026 „Politische Bildung in Zeiten rechtsextremer Bedrohung“ weitergeführt. Auf der ersten Fachtagung im November 2024 sind die Teilnehmenden den Fragen nachgegangen, was die aktuellen Entwicklungen für die Akteure politischer Bildung bedeuten, welche Bedrohung von ihnen ausgehen und wie politische Bildung dem begegnen kann. Es wurde darüber hinaus gefragt, ob und wenn ja welche Versäumnisse es gibt, wie sich politische Bildung verändern und weiterentwickeln muss, welche Partner und Unterstützer sie braucht.
Die diesjährige Tagung griff das Jahresthema erneut auf, richtete den Blick aber nach vorne und rückte strategische und konzeptionelle Antworten auf die Normalisierung rechtspopulistischer/rechtsextremer Ideologien in den Mittelpunkt. Was bedeuten sie für politische Bildung? Welche konkreten Handlungsoptionen gibt es? Wie muss sich politische Bildung aufstellen? Wie kann eine Stärkung von Personen und Strukturen gelingen? Welche Verbündete müssen gewonnen werden?
Unsichtbare Linien – sichtbare Wirkung: Wie rechtspopulistische und rechtsextreme Narrative den gesellschaftlichen Diskurs verändern
Natascha Strobl, Politikwissenschaftlerin und Autorin, Wien, eröffnete die Tagung mit dem Vortrag „Unsichtbare Linien – sichtbare Wirkung: Wie rechtspopulistische und rechtsextreme Narrative den gesellschaftlichen Diskurs verändern“. Ausgehend vom Begriff des Kulturkampfs fragt sie, warum heute so viel über Gendern, vegetarische Schnitzel oder den „Wintermarkt“ statt über den Weihnachtsmarkt diskutiert wird.
Wir leben in multiplen Krisen (Wirtschafts- und Finanzkrise, Klimakrise, soziale Krisen, Krise der Repräsentation), die durch aktuelle Entwicklungen neue Dimensionen annehmen: Nicht mehr der Finanzkapitalismus ist prägend, sondern ein grundlegend anders funktionierender Tech-Kapitalismus, in dem wenige, von der Referentin als Faschisten bezeichnete Akteure, die Wirtschaft bestimmen – und zugleich auf staatliche Aufträge angewiesen sind. Deren Credo: „Demokratie und Freiheit widersprechen sich. Ich entscheide mich für die Freiheit.“
Die soziale Krise lässt immer größere Gruppen zurück, denen es am Notwendigsten für ein menschenwürdiges Leben fehlt. Die Krise der Repräsentation zeigt sich im sinkenden Vertrauen in Institutionen, die Krise der Demokratie darin, dass ein hoher Bevölkerungsanteil nicht wählen darf. Viele empfinden ein diffuses Unwohlsein, selbst bei stabiler eigener Lage. Zugleich erstarken extreme Rechte in Parlamenten und dominieren Diskurse; Social Media schafft neue „Realitäten“; die hegemonialen Nachkriegsparteien verlieren an Bedeutung und der Konservatismus radikalisiert sich.
Kulturkampf fungiert als kleinster gemeinsamer Nenner der extremen Rechten: Er emotionalisiert gesellschaftliche Spaltungslinien, arbeitet mit Anekdoten und „gefühlten Wahrheiten“ und knüpft unmittelbar an tradierten Rassismus, Antisemitismus und Misogynie an. Dies zeigte die Referentin anhand verschiedener Beispiele aus den USA, deren Wirkung bis nach Europa und Deutschland reicht. Vieles, was einst unumstritten war, wird nun bewusst kontrovers gemacht – alles kann zum Kulturkampfthema werden.
Was lässt sich tun? Die von der Referentin genannten Ansätze – belächeln, nicht mitspielen, aus der Defensive kommen, „echte“ Politik populär machen und Unbehagen adressieren – wirken zunächst schwach. Doch wenn starke, vernetzte zivilgesellschaftliche Gruppen und nicht nur Einzelne sie umsetzen, wäre viel gewonnen. Es geht darum, mit Menschen in Kontakt zu treten, Zuversicht zu geben und Zukunft denkbar zu machen. Solidarität ist dabei zentral, denn wer Veränderungen anstößt, wird im Kulturkampf schnell zur Hassfigur und braucht Unterstützung.
Dringend notwendig ist zudem die Durchsetzung bestehender Gesetze, insbesondere die Regulierung und Moderation von Social Media – denn es darf nicht sein, dass Einzelne dort die Regeln bestimmen.
In einem interaktiven Austausch teilten die Teilnehmenden ihre Erfahrungen aus der Bildungsarbeit – Erlebnisse, die verdeutlichten, wie schnell Bildung an ihre Grenzen stoßen kann. Zur Sprache kamen sowohl konkrete Erfahrungen mit rechtsextremer Bedrohung als auch bewährte Konzepte und Handlungsmöglichkeiten, die in Einrichtungen und Netzwerken entwickelt wurden, um dieser Bedrohung zu begegnen. Nicht zuletzt wurde diskutiert, welche Formen der Unterstützung und Stärkung sich die Träger voneinander und vom AdB wünschen.
Verbündete finden, Bündnisse schmieden, Unterstützung organisieren
Unter der Überschrift „Verbündete finden, Bündnisse schmieden, Unterstützung organisieren“ waren Vertreter*innen aus dem Bereich Schule (Felix Troschier, Studienrat, DVPB Niedersachsen), aus der Wirtschaft (Mandy Wenzel und Deniz Schmick, Siemens) sowie dem Sport (Patrick Neumann, LandesSportBund Niedersachsen e. V.) zu einem Gespräch eingeladen. Deutlich wurde, wie gut die Bereiche sich untereinander stärken können, wenn sie sich miteinander vernetzen und Vorurteile abbauen. Die Unterstützung bei der Erarbeitung von Konzepten und der Umsetzung politischer Bildung sind bereits erprobt, aber durchaus noch ausbaufähig. Die unterschiedlichen Systeme könnten dabei neue Perspektiven ermöglichen. Letztlich brauche es, so das Fazit, eine gesamtgesellschaftliche Anstrengung und neue, auch ungewohnte Allianzen.
Von A wie Ablehnung bis Z wie Zuversicht – Politische Bildung unter veränderten gesellschaftlichen Bedingungen
Mit zwei sehr eindrücklichen und erschütternden Berichten gaben Christine Reich, Jugendbildungsstätte Kurt Löwenstein, und Christian Scharf, Europäische Jugendbildungsstätte Magdeburg, Einblicke in die aktuelle Situation vor Ort. Ging es im Fall der Jugendbildungsstätte Kurt Löwenstein vor allem um Anfragen aus dem Parlamentarischen Raum, aber auch um Verleumdung der Einrichtung und seiner Bildungsarbeit, die zu Angst vor Übergriffen, zu Einschüchterung, Verunsicherung und (De-)Motivation führen und unglaublich viele Ressourcen binden, machte Christian Scharf deutlich, wie sich die Situation ein Jahr vor der nächsten Landtagswahl in Sachsen-Anhalt darstellt. Auch wenn es (noch) keine unmittelbaren Angriffe gibt, steigt die Verunsicherung. Die Strategie ist, die Unabhängigkeit durch weitere Diversifizierung von Fördermitteln zu erhalten, die Erschließung neuer Zielgruppen und die Attraktivitätssteigerung für Externe, die Europäische Jugendbildungsstätte für eigene Veranstaltungen zu nutzen und damit finanzielle Unterstützung zu leisten.
Wissen to go – Fortbildungseinheiten zu Strategien im Umgang mit aktuellen Herausforderungen
Wichtiges Kernstück der Tagung waren fünf Shortcuts, die in kurzen Fortbildungseinheiten folgende Themen aufgriffen und den Teilnehmenden konkretes Handwerkszeug mit an die Hand gaben:
- Störungen haben Vorrang? Strategien im Umgang mit destruktiven und rechtsextremen Kommunikationsstrategien; mit Sofia Eleftheriadi-Zacharaki, Europäische Akademie Berlin
- Mundtot durch die Forderung nach Neutralität? Einen Mythos entzaubern! Dominik Neumann-Wächter, AdB
- Tür zu oder erst recht aktiv werden? Zum Umgang mit verunsicherten Teams. Offener Austauschraum
- Was tun? Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit im Krisenfall; Christian Müller, SOZIAL-PR
- Wie Politik und Verwaltung überzeugen? – Lobbyarbeit vor Ort erfolgreich gestalten; Nanna-Josephine Roloff, neues handeln AG
Rückblick und Ausblick
Die Tagung wurde von zwei Critical Friends begleitet: Katrin Hünemörder von mediale pfade – Verein für Medienbildung e. V. und Enoka Ayemba vom Bildungsteam Berlin-Brandenburg e. V. Für beide war der Appell von Natascha Strobl zentral: „Deutschland muss halten. Aufgeben ist keine Option“. Übersetzt bedeutet dies, r unsere wichtige Arbeit weiterhin mit Energie, Klarheit und neuen Ideen voranzutreiben. Aus Sicht von mediale pfade ist es dabei essenziell, den digitalen Raum und seine Dynamiken stärker mitzudenken – und nicht zu unterschätzen, welche Auswirkungen digitale Entwicklungen auf analoge Räume haben. Medienbildung muss dabei stets im Kontext von Demokratiebildung stehen.
Die Veranstaltung hat genau das geleistet, was wir brauchen: Vertrauen schaffen, stabile Beziehungen aufbauen, Unterstützung organisieren und Emotionen Raum geben. Der informelle Austausch spielt dabei eine entscheidende Rolle, um anschließend mit öffentlichkeitswirksamen Kampagnen nach außen wirken zu können.
In ihren abschließenden Worten verwies Ina Bielenberg, Geschäftsführerin des AdB, auf die Weiterarbeit am AdB-Jahresthema im kommenden Jahr – eine Aufgabe, die angesichts der anstehenden Landtags- und Kommunalwahlen dringlicher ist denn je. Wir sollten selbstbewusst und offen nach außen kommunizieren, was wir können, wollen, sind. Wir sollten den Austausch fortsetzen, um uns gegenseitig zu unterstützen und zu stärken. Wir sollten solidarisch handeln. Und wir sollten uns bewusstmachen, welche anderen Bereiche als Partner in Frage kommen, um gemeinsame Stärke zu entwickeln – sei es der Sport, die Schule, Betriebe oder Kultureinrichtungen. Dazu gehören ebenso Vertreter*innen demokratischer Parteien sowie Kolleg*innen in Ministerien und Behörden. Die Bereitschaft zur Vernetzung und Unterstützung ist vorhanden. Nicht zuletzt sollten wir unsere Fortbildungsangebote ausbauen, um die Kolleg*innen in den Einrichtungen widerstandsfähig und handlungsfähig zu machen.
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