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Positionspapier: Digitale Jugendarbeit und demokratische Teilhabe in digitalen Räumen

Zentrale Herausforderungen, Erkenntnisse, europäische politische Zusammenhänge und Empfehlungen

Digitale Transformation, Nachhaltigkeit und politisches Engagement junger Men-schen: So unterschiedlich diese Bereiche auch erscheinen mögen, sie sind zentrale Fragen europäischer Politikgestaltung im Hinblick auf Demokratie – sowohl in der Europäischen Union als auch in ihren Mitgliedstaaten. Die EU trägt eine zentrale Verantwortung für die Regulierung der digitalen Märkte sowie für die Entwicklung der Klima- und Umweltpolitik. Beides beeinflusst das Leben junger Menschen, ihre Chancen und ihr demokratisches Engagement – heute und in Zukunft. Demokratie wird stark von den Entscheidungen beeinflusst, die wir zur Regulierung des Inter-nets sowie zur Bekämpfung des Klimawandels treffen. Daher sind diese Politikberei-che von zentraler Bedeutung für politische Bildung und für die Jugendarbeit.

Die von Erasmus+ geförderte Partnerschaft „Digital Youth Work“ (DIYW) führte Policy Labs in Deutschland, Österreich, Portugal, Spanien und Bulgarien durch, um diese drei zentralen Dimensionen der Digitalisierung und der Digitalität zu untersuchen, die das demokratische Engagement junger Menschen insgesamt beeinflussen:

  • Nachhaltigkeit und Digitalisierung,
  • Identitätsbildung in einer (post-)digitalen Welt sowie
  • die demokratische Beteiligung junger Menschen an der Steuerung des digitalen Wandels.

Die Policy Labs bezogen junge Menschen und Fachkräfte der Jugendarbeit ein und deckten sowohl Herausforderungen auf, denen junge Menschen in digitalen Räumen gegenüberstehen, als auch systemische Lücken in aktuellen Strategien und Praktiken.

In allen Ländern betonten die Jugendlichen die Umweltauswirkungen der Digitalisie-rung und forderten nachhaltige Praktiken wie das Recycling von Geräten, energieeffiziente Technologien und Maßnahmen zur Reduzierung von Elektroschrott.
Sie wiesen zudem auf die mit digitalen Plattformen verbundenen Risiken für die psychische Gesundheit hin, darunter Sucht, Cybermobbing und die Konfrontation mit schädlichen Inhalten. Von besonderer Bedeutung nannten sie den Druck durch idealisierte Bilder, die Konfrontation mit emotional intensiven, schädlichen und extremen Inhalten durch Algorithmen sowie einen anhaltenden Zustand emotionalen Stresses.

Junge Menschen forderten von digitalen Plattformen mehr Transparenz und Re-chenschaftspflicht, insbesondere hinsichtlich der Art und Weise, wie Algorithmen ihre Online-Erfahrungen prägen. Sie forderten altersgerechte Designs, strengere Vorschriften für schädliche Inhalte und eine sinnvolle Beteiligung an der digitalen Governance. Junge Menschen zeigen eine hohe Bereitschaft und Fähigkeit zur Selbstregulierung.

Fachkräfte der Jugendarbeit schlossen sich diesen Bedenken an und betonten die Notwendigkeit kontinuierlicher Fortbildungen zu digitalen Trends, zur psychischen Gesundheitsförderung und zu Advocacy-Kompetenzen. Sie hoben zudem die Bedeutung der Zusammenarbeit zwischen Jugendarbeit, Pädagog*innen und politischen Entscheidungsträger*innen hervor, um sichere, inklusive und partizipative digitale Umgebungen zu schaffen. Die Fachkräfte stellten fest, dass sich die derzeitigen Schutzmaßnahmen oft auf die individuelle Resilienz konzentrieren, anstatt strukturelle Probleme anzugehen, wie beispielsweise Geschäftsmodelle von Plattformen, die Profit über das Wohlbefinden der Nutzer*innen stellen.

Die Workshops zeigten eine gemeinsame Vision von Jugendlichen und Fachkräften für eine digitale Zukunft, die nachhaltig, inklusiv und demokratisch ist. Allerdings deckten die Workshops auch erhebliche Lücken auf, wie bestehende politische Strategien und Praktiken diese Herausforderungen angehen, insbesondere in Bezug auf die Durchsetzung, die Beteiligung von jungen Menschen (1) und den Widerspruch zwischen ökologischer Nachhaltigkeit und einer ressourcenintensiven digitalen Transformation.

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(1) Wir nutzen hier für den deutschen Kontext den Begriff junge Menschen bewusst. Die Herausforderungen sind intergenerationell und orientieren sich nicht an klassischen Alterseinteilungen. Jedoch müssen bestimmte Altersspezifika, wie bspw. erhöhte Schutzbedürftigkeit, oder auch Kontexte von erhöhter Vulnerabilität bestimmter Personengruppen mitbedacht werden.

Die in den Policy Labs erhobenen Bedarfe und Herausforderungen stehen in konkretem Bezug zu Aktivitäten der Europäischen Union (EU) und des Europarats (CoE), darunter der Digital Services Act (DSA), der Aktionsplan für digitale Bildung (DEAP), der Europäische Grüne Deal und Digital Citizenship Education (DCE) des Europarats. Diese Rahmenwerke bieten eine Grundlage für die Bearbeitung der in den Labs identifizierten Herausforderungen, ihre Umsetzung auf nationaler und lokaler Ebene erscheint jedoch nach wie vor uneinheitlich, mit äußerst unterschiedlicher Ambition und Konsequenz der Mitgliedsländer. Für Jugendarbeiter*innen und Pädagog*innen erscheint das intransparent und extrem schwer zugänglich.

Digitalisierung betrifft viele Bereiche – besonders mit EU-Kompetenz. Es erscheint fast unmöglich hier alle entsprechend abzubilden. Im Folgenden einige Beispiele:

  • Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO): Festlegung von Grundsätzen, die insbesondere für junge Menschen und ihre „Datenschatten“ relevant sind und im Interesse der betroffenen Personen liegen – wie das Recht auf Vergessenwerden oder Möglichkeiten zur Information. Zur Norm: https://eur-lex.europa.eu/eli/reg/2016/679/oj?locale=de
  • Digital Omnibus: Anpassung der digitalpolitischen Instrumente der EU mit dem Ziel, „Bürokratie abzubauen“ – auf Kosten von Klarheit und Entschlossenheit bei der Durchsetzung von Kinder- und Jugendrechten.
  • Digital Services Act (DSA): Vorschriften für sehr große Online-Dienste, Verbot
    von gezielter Werbung für Minderjährige, Einschränkung der Erhebung personenbezogener Daten für Profile, Bekämpfung von Dark Patterns, Einführung vertrauenswürdiger Melder. Mit zusätzlichen Leitlinien zum Schutz von Minderjährigen, erstellt von der Europäischen Kommission. In Deutschland ist die verantwortliche Umsetzungsstruktur die Bundesnetzagentur, im Verbund mit den in Deutschland zugelassenen Trusted Flaggers (Vertrauenswürdige Hinweisgeber). Zur Norm: https://eur-lex.europa.eu/legal-content/DE/TXT/HTML/?uri=CELEX:32022R2065
  • Digital Markets Act (DMA): Erhöhung der Interoperabilität großer Plattformen,
    Festlegung von Regeln und Pflichten für „Gatekeeper“. Zur Norm: https://eur-lex.europa.eu/legal-content/DE/TXT/HTML/?uri=CELEX:32022R1925
  • Gesetz über künstliche Intelligenz (AI Act): Risikobasierte Differenzierung zwischen KI-Systemen und Verpflichtungen. Definitionen für hohe Risiken bei KI-Anwendungen, die insbesondere für schutzbedürftige Gruppen wie Kinder und Jugendliche relevant sind (beispielsweise in Bildung und Arbeit). Verbot bestimmter Praktiken wie Social Scoring, biometrische Echtzeitüberwachung oder das Scraping von Gesichtsbildern. Die Umsetzung und Ausgestaltung in Deutschland erfolgt über die Bundesnetzagentur. Zur Norm: https://eur-lex.europa.eu/legal-content/DE/TXT/HTML/?uri=OJ:L_202401689
  • Die Rahmenkonvention über künstliche Intelligenz (Europarat): Regeln
    bezüglich der Beeinträchtigung von Menschenrechten durch KI-Systeme, wenn diese von Behörden oder in deren Auftrag handelnden privaten Akteuren betrieben werden Zur Norm: https://search.coe.int/cm?i=0900001680afb11f
  • Europäische Altersüberprüfungslösung und Europäische Digitale Identitätsbörse (EUDI wallet): Dies beeinflusst maßgeblich, inwieweit junge Menschen vor schädlichen Inhalten geschützt werden und in welchem Umfang ihre Möglichkeiten, auf Dienste und Inhalte unterschiedlicher Art zuzugreifen, eingeschränkt werden. Erwähnenswert in diesem Kontext ist auch das Vorhaben der Präsidentin der Europäischen Kommission, den Zugang zu sozialen Medien für Minderjährige einzuschränken. Information: https://digital-strategy.ec.europa.eu/de/policies/eudi-regulation
  • EU-Strategie für ein besseres Internet für Kinder (BIK+): Webportal, und parallel dazu die Einrichtung nationaler Zentren für mehr Sicherheit im Internet (Safer Internet Centres) als Ansprechstrukturen. In Deutschland sind Ansprechpartner (klicksafe, Nummer gegen Kummer, Internet-Beschwerdestelle, jugendschutz.net) gebündelt bei der Medienanstalt Rheinland-Pfalz. Information: https://digital-strategy.ec.europa.eu/de/policies/strategy-better-internet-kids
  • Überarbeitung der Richtlinie zur Bekämpfung sexuellen Missbrauchs von Kindern: Automatisches Scannen von Messenger-Inhalten auf illegales Material, was möglicherweise zu einer ungerechtfertigten Überwachung privater Chats, auch von Minderjährigen, führt („Chat-Kontrolle“). Information: https://fightchatcontrol.eu/
  • European Media Freedom Act (EMFA): Zielt darauf ab, redaktionelle Unabhängigkeit zu schützen, Journalist*innen zu schützen und Transparenz bei den Eigentumsverhältnissen in den Medien zu gewährleisten. Es schafft durchsetzbare Schutzmaßnahmen im gesamten Binnenmarkt. Zur Norm https://eur-lex.europa.eu/legal-content/DE/TXT/?uri=CELEX%3A32024R1083
  • Europäischer Gesundheitsdatenraum (EDHS-Verordnung): Die Schaffung des Datenraums soll der Forschung, der Öffentlichkeit und dem Wettbewerb zugutekommen und gleichzeitig sicherstellen, dass die ersten Generationen, die in Bezug auf Gesundheitsdaten vollständig digitalisiert werden (bspw. über die Gesundheitskarte) , nicht mit den Folgen der derzeitigen Zielkonflikte zwischen diesen Zielen zu kämpfen haben. Zur Norm: https://eur-lex.europa.eu/legal-content/DE/TXT/?uri=OJ:L_202500327
  • Der European Democracy Shield und die EU-Strategie für die Zivilgesellschaft: Entwickelt mit dem Ziel, zivilgesellschaftliche Räume und demokratische Institutionen vor verdeckter Einmischung, Desinformation und der Einschränkung bürgerlicher Freiheiten zu schützen, zu unterstützen und zu stärken. Information: https://ec.europa.eu/commission/presscorner/detail/de/ip_25_2660
  • Digitaler Euro und Vorschriften für den digitalen Zahlungsverkehr der Zukunft: Regeln für den Zugang zu digitalen Zahlungsmitteln, den vertraulichen Umgang mit digitalem Geld und das Verbot der Monetarisierung von Nutzerdaten (insbesondere von Minderjährigen). Information: https://www.ecb.europa.eu/euro/digital_euro/html/index.de.html
  • Richtlinie zur Plattformarbeit und nationale Umsetzung: Festlegung des Status der (oft jungen Erwachsenen mit Migrationshintergrund) Plattformarbeiter*innen und ihres Zugangs zu sozialen und arbeitsrechtlichen Rechten sowie Dienstleistungen. Zur Norm: https://eur-lex.europa.eu/legal-content/DE/ALL/?uri=CELEX:32024L2831
  • Gesetz zur Kreislaufwirtschaft: Geplant für 2026 zur Förderung der kreislaufwirtschaftlichen Nutzung von Rohstoffen. https://environment.ec.europa.eu/strategy/circular-economy_en?prefLang=de
  • Europäischer Green Deal: Mit der Verordnung über die umweltgerechte Gestaltung nachhaltiger Produkte (ESPR, Produktpass, Regeln für die Entsorgung von Geräten), der Richtlinie über gemeinsame Regeln zur Förderung der Reparatur von Waren (Recht auf Reparatur) oder der Richtlinie über ein einheitliches Ladegerät. Information: https://commission.europa.eu/strategy-and-policy/priorities-2019-2024/european-green-deal_de
  • Aktionsplan für digitale Bildung (DEAP): Vermittelt jungen Menschen digitale
    Kompetenzen, einschließlich kritischen Denkens und Medienkompetenz. Förderung der Digitalisierung des Unterrichts und der Verbreitung von Technologie in Klassenzimmern, bspw. im Rahmen des Digitalpakt Schule in Deutschland, Unterstützung der Ausbildung von Pädagogen und Lehrkräften.  Information: https://education.ec.europa.eu/focus-topics/digital-education/actions/plan 
  • Entwicklung von Kompetenzrahmen und gemeinsamen Standards: Der DigComp-Kompetenzrahmen, der Rahmen für Digital Citizenship Education (Europarat) und weitere Aktivitäten mit Schwerpunkt auf neuen Entwicklungen, wie der Einbeziehung von KI, Informationschaos, Plattformisierung in Deutschland bspw. die Umsetzung der KMK Strategie Lernen in der digitalen Welt und verschiedene digitale Kompetenzmodelle. Überblick: https://competendo.net/en/Competence_Explorer

Die Auswahl verdeutlicht, wie entscheidend die Europäische Ebene dafür ist, dass Digitalisierung auf eine menschenzentrierte und nachhaltige Weise gestaltet wird, um das Heranwachsen einer Generation junger Menschen in einer digitalen und demokratischen Welt zu fördern. Diese Entwicklungen sollten eine größere Rolle in der politischen Bildung spielen. Grundlegende Teile der Konvention über die Rechte des Kindes sind wegweisend für den digitalen Bereich. Staaten sowie alle Bildungs- und Jugendarbeitseinrichtungen sind aufgefordert, die Rechte von Kindern im digitalen Bereich zu wahren und zu verwirklichen, bspw.:

  • Recht auf Beteiligung (Art. 12 UN-Kinderrechtskonvention): Junge Menschen befähigen, digitale Räume demokratisch zu nutzen und ihre Meinung zu äußern
  • Recht auf Bildung und Information (Art. 28, 29, 17 UN-Kinderrechtskonvention): Stärkung der demokratischen Widerstandsfähigkeit, Förderung der politischen Bildung und Gewährleistung des Zugangs zu vielfältigen Informationen
  • Schutzrechte (Art. 19, 34 UN-Kinderrechtskonvention): Schutz vor Hass, Mobbing, Gewalt und kommerzieller Ausbeutung gewährleisten
  • Recht auf Privatsphäre (Art. 16 UN-Kinderrechtskonvention): Gewährleistung des Datenschutzes und der informationellen Selbstbestimmung

Die Policy Labs zeigten, dass viele junge Menschen, und auch viele Fachkräfte aus den Bereichen von Bildung und Jugendarbeit die europäischen digitalen Regelungen und Gesetze nicht kennen. Die zuständigen nationalen Ebenen müssen deutlich mehr dafür tun, dass die Bestimmungen jugendgerecht kommuniziert werden und dass jungen Menschen ermöglicht wird, ihre Rechte effektiv wahrzunehmen. 

Die Policy Labs zeigten, dass junge Menschen digitale Plattformen zunehmend als Umgebungen erleben, die durch algorithmische Filterung und emotional verstärkte Inhaltsströme die politische Wahrnehmung und die öffentliche Realität prägen. Der Aktionsplan für digitale Bildung (DEAP) konzentriert sich darauf, junge Menschen mit digitalen Kompetenzen auszustatten, darunter kritisches Denken und Medienkompetenz. Die Policy Labs unterstrichen die Bedeutung einer Erweiterung des DEAP um Algorithmuskompetenz und digitale politische Bildung, um sicherzustellen, dass junge Menschen verstehen, wie digitale Plattformen ihre Identität und ihr Verhalten beeinflussen. Die Erwähnung des non-formalen und informellen Lernens im DEAP steht auch im Einklang mit der Notwendigkeit, dass Jugendarbeiter*innen kontinuierlich und konsequent zu digitalen Entwicklungen und zur Interessenvertretung geschult werden sollten.

Der Europäische Grüne Deal und der Aktionsplan für die Kreislaufwirtschaft (CEAP) bieten einen Rahmen für die Integration von Nachhaltigkeit in die Digitalpolitik. Die Policy Labs hoben die Bedenken junger Menschen hinsichtlich der Umweltauswirkungen von Digitalisierung hervor, wie z. B. Elektroschrott, steigender Energieverbrauch, globale Rohstoffgewinnung und – damit verbunden – die Fortsetzung globaler sozialer Ungerechtigkeit(en). Die europäischen Strategien können genutzt werden, um nachhaltige digitale Praktiken zu fördern, wie z. B. Programme zur Wiederverwendung von Geräten und energieeffiziente Technologien. Dies erfordert jedoch eine stärkere nationale Umsetzung und die Einbindung von jungen Menschen und Jugendarbeitsstrukturen, um überhaupt Wirkung entfalten zu können.

Der Rahmen für digitale politische Bildung – Digital Citizenship Education – des Europarats betont die Bedeutung von Medienkompetenz, des ethischen Einsatzes von KI und von Online-Sicherheit. Junge Menschen zeigten in den Policy Labs hohes Interesse, sich mit diesen Kompetenzen auseinanderzusetzen, sie haben jedoch oft keinen Zugang zu entsprechend strukturierten Bildungsprogrammen. Regierungen und die zuständigen Ebenen sollten daher Digital Citizenship Education in Lehrpläne von Schulen und insbesondere in die Aus- und Weiterbildung von Lehrpersonal integrieren, um sicherzustellen, dass junge Menschen besser darin unterstützt werden, sich verantwortungsbewusst im digitalen Raum zu bewegen und diesen zu gestalten.

Trotz der verschiedenen europäischen und internationalen Rahmungen und Strategien zeigten die Workshops erhebliche und besorgniserregende Umsetzungslücken auf. Europäische Rahmen sind auf nationaler und lokaler Ebene oft unbekannt oder werden nicht ausreichend genutzt, insbesondere nicht in der Jugendarbeit und im Bildungswesen. Es besteht dringender Bedarf an einer besseren Koordinierung zwischen EU-, nationalen und lokalen Ebenen, um sicherzustellen, dass diese Rahmen zugänglicher, wirksamer umgesetzt und an lokale Gegebenheiten angepasst werden. Andernfalls besteht ein hohes Risiko, dass Bildung und Jugendarbeit weiterhin am Ende der Kette agieren– sie also mit sozialen und gesellschaftlichen Phänomenen konfrontiert sind, die strukturell durch Algorithmen und Praktiken der digitalen Wirtschaft verursacht werden, anstatt junge Menschen darauf vorzubereiten und dabei zu unterstützen, digitale Autonomie und Souveränität zu erlangen – persönlich als selbstbewusste Bürger*innen, aber auch als Miteigentümer*innen der Digitalität und des digitalen Raums.

Europa steht an einem entscheidenden Punkt, an dem es bei der Digitalpolitik nicht mehr nur um die Regulierung von Technologien geht, sondern um die Zukunft der Demokratie selbst. Die oben beschriebenen EU-Maßnahmen – insbesondere der Digital Services Act (DSA), der AI Act, die DSGVO, der Aktionsplan für digitale Bildung (DEAP) und der Europäische Grüne Deal – definieren gemeinsam das Verhältnis zwischen Bürger*innen, Staaten und digitaler Machtausübung neu. 

Mit Bezug auf Demokratie finden in Europa zusammenfassend drei große Veränderungen statt: 

  • Demokratie wird zunehmend von digitalen Plattformen statt von legitimierten öffentlichen Institutionen geprägt. Online-Plattformen fungieren als politische Infrastrukturen der Meinungsbildung, und es findet eine Verlagerung des demokratischen Einflusses von Staaten hin zu privaten Unternehmen statt. 
  • Die EU baut ein auf Rechten basierendes Modell von Demokratie im digitalen Raum auf, dessen Umsetzung verstärkt werden muss. Nicht handeln bedeutet ein größeres Risiko für Demokratie in Europa und den Mitgliedsstaaten. 
  • Die wachsende Tendenz, dass Demokratie und demokratische Entscheidungsfindung durch Algorithmen beeinflusst wird, erhöht den Druck, algorithmische Transparenz, Erklärbarkeit und die Rechenschaftspflicht der Plattformen als wesentliche demokratische Prinzipien sicherzustellen.

Daraus lässt sich schließen, dass Europa an einem entscheidenden Wendepunkt steht, an dem es bei der Digitalpolitik nicht mehr nur um die Regulierung von Technologien geht, sondern um die Zukunft der Demokratie selbst. Die oben beschriebenen EU-Maßnahmen definieren gemeinsam das Verhältnis zwischen Bürgern, Staaten und digitaler Macht neu.

Die in den Policy Labs identifizierten Herausforderungen sind drängend. Sie anzugehen und die europäischen politischen Rahmensetzungen auszugestalten, ist nötig. Aus den Erkenntnissen der Policy Labs wurden daher Empfehlungen formuliert. Diese wenden sich an EU-Institutionen, an zuständige nationale Ebenen, an Institutionen und Fachkräfte der Jugendarbeit und formaler Bildung sowie an digitale Plattformen.

EU-Institutionen

Die EU ist gefordert, auf der wirksamen Umsetzung von Maßnahmen zu bestehen, die darauf abzielen, junge Menschen zu stärken und zu schützen. Dies beinhaltet die Überprüfung, wie effektiv und im besten Interesse junger Menschen die Mitgliedstaaten die europäischen Regelungen umsetzen. Dazu gehören die Arbeitsbedingungen, Ausstattung und Zuständigkeiten von Trusted Flaggers (vertrauenswürdigen Meldestellen), die Aufsicht im Rahmen des DSA oder der KI-Gesetze, der vereinfachte Zugang zu strafrechtlicher Verfolgung und Beratung für junge Menschen, die von Vorfällen betroffen sind, die unterhalb der formellen Strafbarkeitsschwelle liegen, aber eine anhaltende negative Auswirkung auf ihr Wohlbefinden haben (wie Mobbing oder diskriminierende Handlungen). Jugendarbeit und Jugendhilfe haben in diesem Zusammenhang eine entscheidende Bedeutung. 

Die Europäische Kommission und der Europäische Rat sollten den Digital Services Act (DSA) durch die Einführung jugendspezifischer Bestimmungen stärken, wie bspw. vereinfachte Meldemechanismen für schädliche Inhalte und altersgerechte Plattformgestaltungen. Sie sollten zudem den Aktionsplan für digitale Bildung (DEAP) erweitern, um Algorithmuskompetenz und die Vermittlung digitaler Bürger*innenschaft und Bürger*innensinns als Kernkompetenzen einzubeziehen. 

Im Rahmen des Europäischen Grünen Deals sollten Mittel für von jungen Menschen geleitete Projekte zur digitalen Nachhaltigkeit bereitgestellt werden, um unter anderem Raum für Experimentieren zu geben, Mittel für Programme zum Recycling von Geräten bereitzustellen und energieeffiziente Technologienutzung zu fördern. Darüber hinaus sollte die EU einen „Europäischen Rat für digitale Rechte junger Menschen“ einrichten, um sicherzustellen, dass junge Menschen aktiv an der Gestaltung der Digitalpolitik beteiligt werden. Und die EU sollte in die Entwicklung einer alternativen, schützenden, datensensiblen digitalen Umgebung investieren.

Die Teilnehmer*innen aller Policy Labs beschrieben Social-Media-Plattformen einstimmig als bewusst darauf ausgelegt, die Aufmerksamkeit und die online verbrachte Zeit zu maximieren.

EU: Empowerment junger Menschen als digitale Bürger*innen 

Die Europäische Union hat die Chance, weltweit Vorreiterin bei der Förderung der demokratischen digitalen Teilhabe junger Menschen zu sein. Durch die Integration politischer Bildung, die Stärkung der Plattform-Governance, die Unterstützung von Youth Led Innovations und den Ausbau partizipativer Mechanismen können die EU-Institutionen entscheidend dazu beitragen, das jungen Menschen statt passiver „User“ digitaler Plattformen zu aktiven „Citizens“-Teilnehmer*innen am (digitalen und digitalpolitischen) demokratischen Leben werden können. Junge Menschen in ihrem Digital Citizenship zu stärken, stärkt nicht nur demokratisches Engagement, sondern stellt auch sicher, dass die digitale Transformation der europäischen Gesellschaften die Werte und den Anspruch von Partizipation, Transparenz und Inklusion widerspiegelt. Durch die Kombination von Bildung, Regulierungsmaßnahmen, Investitionen in zivilgesellschaftliche Technologien und mit mehr Beteiligung in der Governance kann die EU junge Menschen befähigen, sich kritisch mit digitalen Systemen auseinanderzusetzen und zu demokratischen Prozessen beizutragen. 

Integration einer digitalen politischen Bildung. Die EU-Institutionen sollten die Integration von Digital Citizenship und Medienkompetenz in die nationalen Bildungssysteme fördern. Diese Programme sollten über grundlegende digitale Kompetenzen hinausgehen und ein kritisches Verständnis von Algorithmen, Online-Governance, Datenschutz und digitalen Rechten beinhalten.

Die Teilnehmer*innen der Policy Labs äußerten wachsende Unsicherheit hinsichtlich KI-generierter Inhalte und der zunehmenden Schwierigkeit, authentische von synthetischen Medien zu unterscheiden – was die Notwendigkeit von KI-Kompetenz und transparenten Kennzeichnungsmechanismen innerhalb der europäischen Rahmenbedingungen für die Digitalpolitik unterstreicht. „Mit KI wird es immer schwieriger zu unterscheiden, was echt ist und was nicht.“

Nachhaltige Kanäle für die Beteiligung junger Menschen an Digitalpolitik 

Junge Menschen müssen direkt in Diskussionen über digitale Governance einbezogen werden. Die EU-Institutionen sollten dauerhafte Beteiligungsmöglichkeiten einrichten, über die junge Menschen Ideen einbringen, politische Maßnahmen diskutieren und an Digitalpolitikgestaltung mitwirken können. Die EU sollte die Einbindung der jüngeren Generation in Mechanismen zur Umsetzung europäischer Digitalpolitik und in die betreffenden Institutionen der Mitgliedstaaten kritisch begleiten.

EU: Investition in Civic Technology und offene digitale Infrastruktur

Die EU sollte die Entwicklung von gemeinwohlorientierten Civic-Technology-Plattformen unterstützen, die die demokratische Beteiligung im Internet fördern. Förderprogramme könnten von jungen Menschen geführte Start-ups, NGOs und Forschungsinitiativen unterstützen, die vertrauenswürdige, offene und rechtssensible digitale Tools und Dienste für Deliberation, partizipative Politikgestaltung und bürgerschaftliche Zusammenarbeit entwickeln und anwenden. Eine Open-Source-Infrastruktur für die Zivilgesellschaft, die Nutzerdaten und -verhalten nicht monetarisiert, kann Alternativen zu kommerziellen Social-Media-Plattformen bieten und inklusive digitale öffentliche Räume fördern, in denen Bürger*innen, einschließlich junger Menschen, aktiv am demokratischen Dialog teilnehmen können.

Die Öffentlichkeit und die Zivilgesellschaft sollten dazu mit den Vertretern eines offenen, freien und demokratischen Internets zusammenarbeiten – beispielsweise indem sie offene Bildungsressourcen, hochwertiges Material unter Creative-Commons-Lizenzen oder freie und quelloffene Software (OS und FOSS) nutzen, teilen und in diese investieren.

EU: Bekämpfung von Desinformation bei gleichzeitiger Stärkung der Stimmen junger Menschen

Desinformation und Manipulation untergraben die demokratische Teilhabe und betreffen jüngere Zielgruppen überproportional. Die EU-Institutionen sollten ihre Unterstützung für Initiativen wie das Europäische Observatorium für digitale Medien ausweiten und von Jugendlichen geleitete Programme zur Medienkompetenz entwickeln. Die Ermutigung junger Menschen zur Teilnahme an Netzwerken zur Faktenprüfung, Aufklärungskampagnen in der Gemeinschaft und Peer-to-Peer-Bildungsinitiativen würde die Widerstandsfähigkeit gegen Fehlinformationen stärken und gleichzeitig die Stimmen junger Menschen im digitalen öffentlichen Diskurs verstärken.

Mitgliedsstaaten 

Die zuständigen Ebenen in den Mitgliedsstaaten sollten politische Bildung zum Digitalen in Ausbildungsgänge und Weiterbildung für Fachkräfte formaler und non-formaler Bildungsarbeit integrieren. Unabhängig vom Bildungsbereich (schule/außerschulisch) benötigen Pädagog*innen und Fachkräfte grundlegende Ausbildung, kontinuierliche Fortbildungsmöglichkeiten und Informationsressourcen zu digitalen Entwicklungen, zu psychologischer Unterstützung und auch zur Wahrnehmung ihrer Interessen. Beide Berufsgruppen spielen eine Schlüsselrolle bei der Kompetenzentwicklung junger Menschen, doch mangelt es ihnen – gerade in Bezug auf Digitales – nach wie vor an Zugangsmöglichkeiten, Informationen und entsprechender Aus- und Weiterbildung. Kooperation der unterschiedlichen Akteure formaler und non-formaler Bildung ist notwendig und sollte ermöglicht werden. Medienkompetenzzentren sind hierfür eine entscheidende Infrastruktur und sollten in Hinblick auf Digitalität im Alltag ausgebaut werden. Strukturen der Jugendhilfe und der Jugendarbeit müssen prioritär in die Mechanismen und Strukturen der EU-Digitalpolitik auf nationaler Ebene einbezogen werden und diese für sich als Gestaltungshorizont öffnen können.

Regierungen und zuständige Ebenen sollten Daten- und Kinderschutzgesetze durchsetzen, beispielsweise indem sie effektiv und entschlossen EU-Regulierungen in nationales Recht und nationales Handeln umsetzen und die Öffentlichkeit besser darüber informieren. Das bedeutet klare Verantwortlichkeiten und zuständige Stellen zu benennen und auffindbar zu machen, direkten Kontakt zu jungen Menschen zu suchen sowie eine angemessene Mittelausstattung. Insbesondere die eingangs bereits benannten Umsetzungsstellen, wie bspw. Bundesnetzagentur, Safer Internet Centres, Trusted Flaggers glänzen durch mangelnde Vernetzung in Jugendhilfe- und Jugendarbeitsstrukturen und sind weder für Bildungs- noch Jugendarbeitsstrukturen identifizierbar.

Neben der staatlichen Schutzverantwortung, Kinderrechte im digitalen Raum durchzusetzen, muss mehr und besser darauf geachtet werden, die Mitwirkungsrechte jüngerer Generationen bei der Gestaltung des digitalen Raums und der digitalen Umwelt zu bewerkstelligen. Zudem muss stärker anerkannt werden, dass das Digitale auch einen wichtigen und positiven Raum für die kreative Kompetenzentwicklung junger Menschen bietet. Wichtig erscheint dabei auch, dass junge Menschen als eigene Akteur*innen angesehen werden müssen, die das Digitale selbst mitgestalten. 

Nachhaltigkeits- und Umweltfragen, wie etwa zu den Auswirkungen der Digitalisierung auf das Klima, sollten besser mit Wettbewerbspolitik und Digitalpolitik verknüpft werden. Regierungen und öffentliche Einrichtungen sollten Programme zur Wiederverwendung von Geräten fördern und finanzieren sowie Standards für energieeffiziente Rechenzentren festlegen.

Die Förderung politischer Bildung in Deutschland sollte die Perspektiven einer politischen Bildung des Digitalen verstärkt aufnehmen und Digitalpolitik in den Schwerpunktsetzungen stärker integrieren. Das Politische in der Digitalisierung sollte zudem wesentlich stärker Bestandteil digitaler Kompetenzvorstellungen werden und integral vermittelt werden. Kompetenzmodelle sollten daraufhin angepasst werden. Die zuständigen Umsetzungsstellen sind gefragt, die Kompetenz von politischer Bildung einzubeziehen und anzufragen.

Digitale Plattformen

Digitale Plattformen müssen ein regulierendes und schützendes Umfeld in Europa akzeptieren, da sie in einem demokratischen, rechtebasierten und kinderrechtsbasierten Umfeld agieren. Sie müssen den DSA, die DSGVO und weitere Regeln einhalten, beispielsweise durch die Festlegung von schützenden Standard-Datenschutzeinstellungen und durch die Einschränkung süchtig machender Funktionsweisen. In diesem Sinne sollten sie sich als corporate citizens definieren, die nicht nur in Einklang mit den Gesetzestexten handeln, sondern auch über das Mindesterforderliche hinaus dessen Geist zu verwirklichen. Dazu gehört bspw. die Veröffentlichung jugendfreundlicher Transparenzberichte und die Einbeziehung junger User*innen in Designfragen zu Sicherheit und Nachhaltigkeit, wie etwa die Einführung eines „grünen Modus“ für energiesparende Nutzung. Plattformen sollten zudem die Meldemechanismen für schädliche Inhalte vereinfachen und Alternativen zu kommerziellen Räumen fördern, wie beispielsweise digitale Umgebungen von öffentlichem Interesse für das Engagement junger Menschen.

Um eine informierte digitale Teilhabe zu ermöglichen, benötigen junge Menschen mehr Wissen und Transparenz darüber, wie Plattformen funktionieren. Die EU-Institutionen sollten eine konsequente Umsetzung des Digital Services Act sicherstellen, insbesondere in Bezug auf algorithmische Transparenz und Praktiken der Inhaltsmoderation. Plattformen sollten leicht zugängliche Tools bereitstellen, die erklären, wie Empfehlungssysteme funktionieren und wie personenbezogene Daten die Darstellung von Inhalten beeinflussen. Mehr Transparenz wird junge Nutzer*innen darin unterstützen, Online-Informationen kritisch zu bewerten und sich verantwortungsbewusster an digitalen Debatten zu beteiligen. 

Neben Bildungs- und Sensibilisierungsmaßnahmen auf europäischer und nationaler Ebene ist es wichtig, sich für regulatorische Maßnahmen einzusetzen, die Plattformen verpflichten, junge Menschen sowohl vor algorithmischer Manipulation als auch vor der Konfrontation mit Gewalt, Hassrede und Diskriminierung zu schützen. Bildungsmaßnahmen allein reichen nicht aus, wenn die strukturellen Bedingungen, unter denen junge Menschen sich in digitalen Umgebungen bewegen, unberücksichtigt bleiben. Die Rechenschaftspflicht von Plattformen und eine jugendzentrierte digitale Governance müssen Teil derselben politischen Debatte sein.

Aus- und Weiterbildung von Lehrer*innen

Für die nationalen Ebenen ist entscheidend, sicherzustellen, dass Lehrkräfte gut darauf vorbereitet sind, junge Generationen im digitalen Alltag zu unterstützen. Die Kompetenzen von Lehrkräften bilden eine Umsetzungsbrücke zur europäischen Digitalpolitik und zum Engagement junger Menschen.

Eine ganzheitliche Entwicklung von Kapazitäten ist erforderlich, die alle relevanten Akteure aus dem weiteren schulischen Umfeld einbezieht – Eltern, Schüler*innen, Akteure der lokalen Kontexte. Der Kooperation mit dem Bereich non-formalen Lernens kommt eine Schlüsselrolle zu, sowohl in der Fortbildung als auch in der Schaffung von passgenauen pädagogischen Angeboten.

Besorgniserregend ist mangelndes Wissen von Lehrkräften über europäische Digitalpolitiksowie ein Mangel an systemischem Wissen über öffentliche und zivilgesellschaftliche Jugendarbeit und non-formale Bildungsangebote, sowie an Fachwissen zu digitaler politischer Bildung. 

Lehrkräfte sollten über ausgeprägte digitale Kompetenzen verfügen. Rahmenwerke wie DigCompEdu beschreiben die Fähigkeiten, die Lehrkräfte benötigen, um Technologie im Unterricht effektiv einzusetzen. Zu den besonders wichtigen Kompetenzfeldern gehören das Verständnis digitaler Tools und Plattformen; Bei der Lehrer*innenausbildung kommt der Vermittlung kritischer digitaler Kompetenz eine wichtige Rolle zu. Lehrkräfte benötigen Kompetenzen, um Medienkompetenz zu vermitteln, den Einfluss von Algorithmen und Desinformation zu erklären, Diskussionen über politische Teilhabe im Internet anzuregen und evidenzbasiertes Denken zu fördern. Dies steht im Einklang mit EU-Initiativen wie dem European Digital Media Observatory, das Medienkompetenz und kritisches Bewusstsein fördert. 

Weitere Aspekte der Aus- und Weiterbildung umfassen Kompetenzen im Bereich der politischen Bildung, einschließlich digitaler Rechte und Pflichten, die Förderung partizipativer digitaler Praktiken (Debatten, digitale Foren, politische Simulationen) sowie die Verknüpfung von Online-Engagement mit demokratischen Institutionen. Lehrkräfte benötigen pädagogische Kompetenzen, um partizipatives und kollaboratives Lernen sowie den ethischen und verantwortungsvollen Umgang mit Technologie zu fördern. 

Fachkräfte in der Kinder- und Jugendarbeit

Fachkräfte der Kinder- und Jugendarbeit sind zentrale Wegbereiter demokratischer digitaler Partizipation. Sie müssen in ihrem Selbstvertrauen und ihrer kritischen Urteilsfähigkeit gestärkt werden. Fachkräfte der Jugendarbeit arbeiten oft in sich rasch entwickelnden digitalen Umgebungen, die durch Komplexität, undurchsichtige Plattformen und ständigen technologischen Wandel gekennzeichnet sind. Digital Youth Work setzt direkt im digitalen Alltag junger Menschen an und ist ein entscheidendes Arbeitsfeld für digitale politische Bildung. Fachkräfte benötigen adäquat ausgestattete Fachstrukturen, Unterstützung, Fortbildungsmöglichkeiten und institutionelle Anerkennung, um diese Bildungsarbeit adäquat zu leisten und das Engagement junger Menschen gerade auch in Bezug auf digitale Governance zu unterstützen. Wichtig erscheint es, generell die Zusammenarbeit mit Akteuren der digitalen Zivilgesellschaft zu suchen und sich zu vernetzen. EU- und nationale Politik sollten daher nicht nur in technische digitale Kompetenzen investieren, sondern auch in den Aufbau von Selbstvertrauen, reflexive Praxis und politische Kompetenz für Jugendarbeitsfachkräfte, damit diese in demokratischen digitalen Ökosystemen kompetent agieren können.

Die Stärkung junger Menschen in digitalen Räumen erfordert zunächst die Stärkung derjenigen, die am engsten mit ihnen zusammenarbeiten. Jugendarbeiter*innen sind nicht nur Vermittler‘innen von Partizipation, sondern spielen auch eine entscheidende Rolle in der demokratischen Infrastruktur digitaler Jugendbeteiligung. Die Stärkung ihrer Kompetenz, und ihrer kritischen Fähigkeiten ist Voraussetzung für die demokratische Teilhabe junger Menschen im Digitalen.

Fachkräfte der Jugendarbeit sollten eine doppelte Rolle einnehmen – sie sollten die individuelle Resilienz fördern und sich gleichzeitig für strukturelle Veränderungen im Interesse jüngerer und künftiger Generationen einsetzen. Sie sollten junge Menschen in digitaler Interessenvertretung schulen und sie dabei unterstützen, Wege zu entwickeln, um mit politischen Entscheidungsträger*innen in Kontakt zu treten und sicherere Designs einzufordern. Sie sollten zudem mit Fachkräften strukturell für psychische Gesundheit zusammenarbeiten, um digitale Sucht und Traumata anzugehen. Sie benötigen Unterstützung in Bezug auf Technologie und Entwicklungen und müssen in der Lage sein, Tools einzusetzen, um kritische digitale Kompetenzen zu vermitteln. Auf lokaler Ebene sollten sie mit lokalen Entscheidungsstrukturen zusammenarbeiten, bspw. um Jugend-Digitalisierungsräte zu gründen, die bei partizipativen lokalen Digitalisierungsstrategien beraten und sicherstellen, dass die Stimmen junger Menschen in der Politikgestaltung Gehör finden. 

Jugendarbeit und Jugendorganisationen

Organisationen im Jugendbereich müssen auf strukturelle Veränderungen drängen, wie beispielsweise die Regulierung von Plattformen und die Beteiligung von jungen Menschen an der Politikgestaltung, um sicherzustellen, dass junge Menschen ihre digitale Zukunft mitgestalten können. Für Jugend und die Strukturen der Jugendarbeit ist es entscheidend, auf strenge europäische Regulierungsmaßnahmen zu bestehen, da dies eine grundlegende Voraussetzung für Demokratie und Grundrechte darstellt.

 „Wir leben in einer schnelllebigen Welt, die von Technologie, sozialen Medien und vielem mehr geprägt ist. Viele junge Menschen haben mit Problemen wie Arbeitslosigkeit, Diskriminierung, psychischen Belastungen und gesellschaftlichem Druck zu kämpfen. Oft fühlen sie sich dadurch nicht gehört oder von der Gesellschaft abgekoppelt. Die Jugendarbeit sollte auf diese Realitäten reagieren, indem sie ein unterstützendes Umfeld schafft, in dem sich junge Menschen wertgeschätzt, sicher, gehört und motiviert fühlen.“ Teilnehmer*in eines Policy Labs

Jugendorganisationen sollten sich auf eine rechtssensible digitale Jugendarbeit konzentrieren, die digitale Rechte und Datenhoheit von jungen Menschen fördern. Junge Menschen sollten eine sinnvolle Kontrolle über ihre Daten und digitalen Identitäten haben. EU-Maßnahmen sollten das Bewusstsein für digitale Rechte stärken und Instrumente bereitstellen, die es den Nutzer*innen ermöglichen, ihre personenbezogenen Daten zu verstehen und zu verwalten. Aufklärungskampagnen und jugendorientierte Initiativen können dabei helfen zu erklären, wie Daten in Plattform-Ökosystemen gesammelt, genutzt und monetarisiert werden. Die Stärkung des Bewusstseins für digitale Rechte ist Voraussetzung das junge Menschen sich in Online-Räumen autonomer und verantwortungsbewusster bewegen können.

Jugendarbeit und Jugendorganisationen sollten das Bewusstsein für digitale Rechte und Nachhaltigkeit schärfen, beispielsweise in Bezug auf Elektroschrott und die Herausforderungen des digitalen CO2-Fußabdrucks. Sie sollten mit Initiativen wie Repair Cafés und ähnlichen zusammenarbeiten, um das Bewusstsein für Nachhaltigkeit zu fördern, aber auch konkrete Lösungen wie Reparatur-Workshops und Peer-Training im Bereich der digitalen Interessenvertretung anzubieten.

Die im Rahmen des DIYW-Projekts durchgeführten Policy Labs unterstreichen die dringende Notwendigkeit eines kollektiven, multi-stakeholder-orientierten Ansatzes zur Schaffung sicherer, inklusiver und nachhaltiger digitaler Räume für junge Menschen. Während europäische Richtlinien wie der DSA, der DEAP und der European Green Deal eine solide Grundlage bieten, muss ihre Umsetzung auf nationaler und lokaler Ebene gestärkt werden, um die von jungen Menschen und Fachkräften der Jugendarbeit identifizierten Herausforderungen anzugehen.

Um dies zu erreichen, müssen die europäischen und nationalen Ebenen Plattformen so regulieren, dass sie Teil der demokratischen Infrastruktur werden, müssen junge Menschen als Mitgestalter*innen digitaler Politik stärken und in Strukturen von Jugendarbeit als Brücken zwischen jungen Menschen und politischen Entscheidungsträgern investieren. Die Stärkung von Fachkräften ist eine Voraussetzung für eine sinnvolle Beteiligung junger Menschen an der digitalen Demokratie.

Kooperation von formaler und non-formaler Bildung sind ein zentraler Schlüssel, um junger Menschen in ihrer Digitalkompetenz zu stärken.

Durch die Integration von Nachhaltigkeit, Partizipation und Bildung in alle Programme der digitalen Jugendarbeit kann Europa ein digitales Umfeld fördern, das Demokratie, Wohlbefinden und Umweltgerechtigkeit für künftige Generationen unterstützt. Es ist jetzt an der Zeit zu handeln – junge Menschen müssen aktive Gestalter*innen ihrer digitalen Zukunft sein, nicht nur geschützte Nutzer*innen.

Die Policy Labs haben gezeigt, dass junge Menschen nicht in erster Linie Verbote oder einen Rückzug aus digitalen Räumen fordern. Stattdessen fordern sie fairere digitale Systeme, mehr Transparenz, stärkeren Schutz und eine sinnvolle Mitgestaltung digitaler Umgebungen.

Die Zukunft der europäischen Demokratie wird nicht nur von der Regulierung digitaler Technologien abhängen, sondern auch von der Stärkung politischer Bildung als zentrale pädagogische Antwort auf digitalen Wandel. Während sich aktuelle europäische Digitalpolitik zunehmend mit Sicherheit, Transparenz und der Rechenschaftspflicht von Plattformen befasst, bleibt die demokratische Dimension der Digitalisierung in der Praxis unzureichend entwickelt. Diese Dimension ist explizit eine Bildungsdimension und erfordert kompetente Kooperation aller beteiligten Strukturen und Akteure. Junge Menschen brauchen mehr als nur technische digitale Kompetenzen – sie brauchen die Fähigkeit, digitale Machtstrukturen kritisch zu verstehen, ihre Rechte online wahrzunehmen, an der demokratischen Debatte teilzunehmen und digitale Umgebungen als aktive Bürger*innen mitzugestalten.

Politische Bildung bietet den wesentlichen Rahmen, um digitale Kompetenz, Menschenrechte, demokratische Teilhabe, Medienkompetenz und ethische Reflexion miteinander zu verknüpfen. Die Stärkung der politischen Bildung in Schulen, der Jugendarbeit und der non-formalen Bildung unter Einbeziehung von Fachkräften aus den Bereichen Bildung und Jugendarbeit, von Kindern und Jugendlichen, aber auch von Eltern ist daher nicht nur eine pädagogische Priorität, sondern eine demokratische Notwendigkeit. Der Schutz von Demokratie und Menschenrechten in Europa hängt zunehmend davon ab, ob die Bürger*innen befähigt sind, sich kritisch, verantwortungsbewusst und gemeinschaftlich in digitalen Umgebungen zu bewegen. Ohne eine starke Perspektive der demokratischen Bürger*innenschaft auf die Digitalisierung besteht die Gefahr, dass der digitale Wandel Manipulation, Ausgrenzung, Überwachung und demokratische Fragmentierung vertieft, anstatt die demokratische Widerstandsfähigkeit, Partizipation und den sozialen Zusammenhalt zu stärken. 

Europäische Jugendpolitik, wie beispielsweise die Europäische Jugendstrategie einschließlich der EU-Jugendziele, fordert die Anerkennung und die Einbeziehung der Stimmen junger Menschen in diese politischen Prozesse. Die Digitalisierungs- und Umweltpolitik sollte notwendigerweise auf einer Jugendperspektive aufbauen und benötigt diesen Blickwinkel als zentralen Pfeiler für ihre Gestaltung. Diese Politikbereiche sollten nicht nur aus einer Perspektive für die Jugend entwickelt werden, sondern erfordern eine grundlegende Gestaltungsperspektive von und mit der Jugend.

Zum Projekt „Digital Youth Work – Rights-sensitive, Open, Accessible, Democratic“ (DIYW-ROAD)

Um junge Menschen darin zu unterstützen das Digitale und Digitalität als kompetente, demokratiebewusste Akteure zu gestalten, bedarf es einer digitalen Bildung, die über das bloße „Aufholen“ oder erlernen von digitaler Kompetenz aus der User*innenperspektive hinausweist, eine Pädagogik des „Digitalen“, die sie auch dabei unterstützt, mitzugestalten, wie sich die Digitalisierung im Hinblick auf eine demokratische und nachhaltige Entwicklung sowie in den Bereichen, in denen sie sich gesellschaftlich engagieren, weiterentwickeln soll. Politische Bildung kann einen bedeutenden Beitrag zur digitalen Jugendbildung und zur digitalen Jugendarbeit leisten. Das Projekt arbeitete mit Pädagog*innen und Jugendarbeitsfachkräften, jungen Menschen, Forscher*innen und Politikexpert*innen zusammen, um die Herausforderungen, Ansätze und Perspektiven dieser politische(re)n Bildung zum Digitalen aufzuspüren. Ein Projekt von 6 Partnerorganisationen, kofinanziert durch das Erasmus+-Programm:


Impressum

Autor*innen: Daniela Kolarova und Georg Pirker, unterstützt von Filipa Fernandes, Markus Plasencia-Kanzler, Elisa Rapetti, Paula Alvira Rosende und Nils-Eyk Zimmermann

Arbeitskreis deutscher Bildungsstätten e. V. (AdB) Berlin 2026, im Rahmen des Projekts „Digital Youth Work - Rights Sensitive, Open, Accessible and Democratic“ (DIYW Road

Projektpartner: Arbeitskreis deutscher Bildungsstätten e. V. (AdB) (Berlin/Deutschland), Sozialprofil – Verein zur Förderung individueller, institutioneller und gesellschaftlicher Entwicklung (Graz/Österreich), Dinamo (Sintra/Portugal), Fundación CIVES (Madrid/Spanien), Partners Bulgaria Foundation (Sofia/Bulgarien), Democracy and Human Rights Education in Europe (DARE)


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Georg Pirker
Georg Pirker

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